Der Teekesseln pfiff und das Radio lief schon den ganzen Tag. Sie ging in die spärlich eingerichtete Küche, sie war klein aber ordentlich. An sich eine ganz normale Küche bis auf den riesigen Kronleuchter der von der Decke hing, sie hatte ihn von ihrer Großmutter geerbt.
An ihrem Rockzipfel hing ein kleiner Junge. Sie hob ihn hoch und gab ihm einen liebvollen Kuss auf die Wange. „Friedrich, ach mein kleiner Mann gleich geht’s aber ab in die Haia!“ „Aber Mutter“, protestierte der Kleine mit einem Deut auf die Küchenuhr: „Es ist erst sechs Uhr- erst sechs Uhr Mama und ich bin schon groß.“ Sie lächelte ihn nur an und meinte: „ Mein Schätzchen auch große Jungs und kleine Männer müssen ausgeschlafen sein.“ Seinen quengelnden Protest überhörte sie gepflegt. Während sie aus dem Küchenfenster auf die Straße blickte, dachte sie an ihren Mann. Sie dachte daran wie glücklich sie waren als sie sich kennenlernten, an ihrem Hochzeitstag. Sie erinnerte sich an den Tag vor 8 Jahren, an dem ihr Sohn zur Welt kam und sie endlich eine kleine Familie waren. Das waren die Erinnerungen an schöne, glückliche Momente. Sie dachte aber auch an den Tag als ihr Mann zur Front bestellt wurde. An dem Tag als er sich von ihr verabschiedete und sie in den Arm nahm, hatte sie geahnt, dass es das letze mal war, die letzte Gelegenheit ihn in die Arme zu schließen. Sie hatte es geahnt, damals. Heute wusste sie, dass sie Recht gehabt hatte. In den letzten Jahren, den Jahren des Krieges, fielen so viele Männer, darunter auch der Mann ihrer Schwester und dennoch hoffte sie bis zu dem gestrigen Tage, dass ihr Mann unbeschadet zu ihr und ihrem Sohn zurückkehren würde. Bis zum gestrigen Tag.
Was hatte dies noch für einen Sinn. Dieser Krieg, Nein mittlerweile war es ein Morden. Und es dauerte schon viel, viel zu lange. Sie wollte es nicht länger mit ansehen, nun da sie noch nicht einmal mehr hoffen durfte. Sie wollte und sie würde es auch nicht länger mit ansehen. Sie riss sich aus ihren Gedanken. „Mama bringt dir gleich noch einen Tee und sagt dir gute Nacht mein Schätzchen!“, rief sie ihrem Sohn hinterher, der bereits im Flur war und in Richtung Kinderzimmer schlenderte. Schwermütig sah sie ihm nach, bis die Tür des Kinderzimmers hinter ihm ins Schloss fiel und ihr die Sicht auf ihren Sohn verwerte.
Dies waren doch keine Bedingungen für ein Kind um aufzuwachsen! Ohne Vater, den Krieg vor den Augen. Für ihn wurden diese Gräueltaten zur Normalität. Sie gehörten für ihn zum Alltag. Aber er kannte es ja auch nicht anders. In der Schule lehrte man den Kindern den Judenhass und überall war das Regime und prägte die Meinungen der Menschen. Ihm ins Gewissen zu reden half nicht viel, solange das Regime allgegenwärtig war. Ihr Sohn sollte in einem friedvollen Land leben. Frieden. Nur im Moment gab es den Nirgends. Noch war ihr Junge nicht verdorben und sie würde nicht zulassen, dass es dazu kommen würde.
Sie goss das heiße Wasser aus der Kanne in eine Tasse. Friedrichs Lieblingstasse und nahm einen Beutel Tee aus dem Hängeschrank. Hagebuttentee. Sein Lieblingstee. Während der Tee zog, ging sie in den Flur zu ihrer Handtasche. Sie hatte sich vor zwei Wochen nicht um sonst Abends mit dem undurchsichtigen Kerl getroffen . Und gut bezahlt hatte sie ihn in der Tat. Sie hatte es vor sich hergeschoben, schon länger mit dem Gedanken gespielt, alles vorbereitet aber sie war noch unsicher gewesen. Bis zum gestrigen Tage. Doch nun hatte sie einen Entschluss gefasst. Sie würde es tun, es würde passieren. Nun da die Dinge ihren Lauf nahmen, war es unvermeidlich.
Sie holte etwas aus ihrer Handtasche, etwas kleines sie hielt es nämlich in der geschlossenen Faust und ging zurück in die Küche. Sie nahm den Teebeutel aus der Tasse gab zwei Löffel Zucker hinzu, wie Friedrich seinen Tee am liebsten hatte, und lies den Inhalt ihrer Faust ebenfalls in die Tasse plumpsen. Nun rührte sie nur noch um bis alles sich aufgelöst hatte und ging mit der Tasse in der Hand in Friedrichs Kinderzimmer. Als sie rein kam saß ihr Sohn bereits im Pyjama auf dem Bett, die Decke über die Knie gezogen. „Guck mal mein Schatz, hier ist Mami auch schon und sie hat dir deinen Lieblingstee, Hagebutte, in deiner Lieblingstasse, der gelben mit dem Hündchen drauf, mitgebracht. Nun trink deinen Tee aus und dann ab ins Bett.“ „ Aber Mama“, nörgelte er „es ist doch noch so früh, sonst darf ich doch auch bis acht Uhr wach bleiben.“ „Ja Liebling ich weiß, aber heute ist ein ganz besonderer Tag und wenn du deinen Tee auch ordentlich und fix austrinkst, hat Mami morgen auch eine Überraschung für dich.“ „EINE ÜBERRASCHUNG?“, seine Kinderaugen glänzten. Genau das war er. Ein Kind. Er war noch ein Kind, leichtgläubig und unschuldig. Sie zog ihn mit hinein, fasste für ihn einen Entschluss, das wusste sie, aber wenn sie es nicht tat würden es die Anderen tun. Er hatte nie die Chance gehabt selbst zu entscheiden. Er trank seinen Tee mit großen Schlucken leer und verbrühte sich leicht die Zunge. „ Verschluck dich nicht mein Schatz!“. Kurz darauf drückte er ihr die leere Tasse in die Hand. Bis auf das letzte Tröpfchen hatte er sie leer getrunken. „Gut gemacht mein Kleiner.“, sie tätschelte seinen Kopf und drückte ihn zurück in sein Kopfkissen, deckte ihn zu und gab ihm abschließend einen Kuss. „ Schlaf gut mein Schatz, Mami hat dich lieb! Du bist das beste was mir je passiert ist! Vergiss das nicht.“ Dass ihr bei diesen Worten Tränen in die Augen stiegen, sah er nicht. „ich dich auch Mutter.“, war seine Antwort, fast direkt danach schlief er ein. Sie gab ihm einen letzten Kuss. Sie hatte es getan, unwiderruflich, es war besser so.
Nun hielt sie nichts mehr hier. Sie stand auf, warf einen letzten Blick auf ihren Sohn und verließ das Zimmer. Als die Tür hinter ihr ins Schloss fiel, hörte Friedrich auf zu Atmen. Entschlossenen Schrittes ging sie durch den Flur in die Küche. Das Radio hatte sie nicht ausgestellt. Es lief immer noch.
Sie Griff unter die Spüle in einen Karton, den sie dort vor fast zwei Wochen deponiert hatte. Sie holte einen Strick aus diesem und befestigte das eine Ende an ihrem Kronleuchter. Die Schlaufe hatte sie sich binden lassen. Unter dem Strick platzierte sie einen Hocker. Sie stellte sich auf ihn und legte sich die Schlinge um den Hals. Sie atmete ein letztes Mal tief durch und ihr kamen hielt kurz inne. In dem Moment brach das Lied das im Radio lief abrupt ab. Das war ein Zeichen. Mit einem Fuß stieß sie den Hocker um. Nun baumelten ihre Füße über dem Boden. Sie zuckte und röchelte und das letzte was sie hörte war das Radio, aus dem ein Sprecher das offizielle Ende des Krieges verkündete.

